Umfrage: SoloS sollten mehr über Geld reden

"SO LOS! Die Initiative für faire Honorare" will für mehr Transparenz sorgen

7250 Honorardatensätze zeigen: Solo-Selbstständigkeit ist überwiegend „kein faires Geschäftsmodell“. Trotz hoher fachlicher Qualifikation und langjähriger Berufserfahrung würden Kreative nicht leistungsgerecht entlohnt. Zu diesem nicht überraschenden, doch ernüchternden Fazit kam eine Podiumsrunde im Leipziger Haus der Selbstständigen bei der Auswertung einer branchenübergreifenden Honorarumfrage, der sich 54 Gewerkschaften, Berufsverbände und Interessenvertretungen Solo-Selbstständiger anschlossen.

Mit der Mitte Juli gestarteten Honorarumfrage auf Initiative des Hauses der Selbstständigen (HDS) waren bis 13. Oktober 2022 Honorar- und Sozialdaten von Solo-Selbstständigen erhoben worden. Über 6000 Teilnehmer*innen aus verschiedenen Branchen antworteten. 3645 komplett ausgefüllte Interviews gingen in die Auswertung ein. Die als „Mitmachkampagne“ konzipierte Umfrage sei auf „relativ großes Interesse“ gestoßen, resümierte Vesna Glavaski vom HDS für die Initiatoren, das Formular „SO_LOS! Die Initiative für faire Honorare“ sei über 10.000 mal angeklickt worden. Dank zahlreicher erhobener Daten gestatte die Umfrage eine sehr detaillierte Analyse und weitere Feinauswertung. Die jetzt vorgelegten Ergebnisse liefern einen ersten Überblick.

Erfahren und qualifiziert …

Die gewonnenen auftragsbezogenen Daten – Umfrageteilnehmer konnten konkrete Angaben für bis zu fünf ihrer Aufträge eintragen – bilden das Herzstück der Honorarumfrage. Die meisten Honorardatensätze kommen aus den Bereichen Journalismus und Fotografie (426), Restaurierung (381) sowie Bildung (364) und Musik (360). Von den Befragten sind 85 Prozent solo-selbstständig im Haupterwerb tätig, knapp 80 Prozent arbeiten in der Regel mehr als 20 Wochenstunden. Fast die Hälfte der Umfrageteilnehmer*innen sind seit mehr als 15 Jahren solo-selbstständig. Ihre Aufträge kommen zu 45 Prozent aus der Privatwirtschaft, zu einem Viertel von öffentlichen Auftraggebern und weiteren 15 Prozent von Verbänden, Vereinen oder NGOs. Überwiegend arbeiten Solo-Selbstständige auf der Grundlage von Werk- oder Dienstverträgen, so die Angaben.

Bei 43 Prozent der Aufträge konnten sich die Selbstständigen an Honorarempfehlungen, Vergütungsregeln, Tarifvereinbarungen, Gebührenordnungen oder anderen Regelungen orientieren. Die Auswertung zeigte auch: Vergütet wurde bei 56 Prozent der Aufträge auf der Höhe solcher Empfehlungen oder Vereinbarungen, bei über einem Drittel lag das Honorar allerdings darunter und nur zu sieben Prozent über den Empfehlungen – die oft nur eine Mindestvergütung vorschlagen. Bei der konkreten Honorarhöhe pro Stunde zeigte sich eine extreme Spreizung zwischen 5,28 Euro und 360 Euro. „Belastbare Aussagen zu einer durchschnittlichen Honorarhöhe sind deshalb nur für einzelne Berufe oder Berufe-Cluster sinnvoll“, so Vesna Glavaski.

… doch unzureichend bezahlt

Die meisten Umfrageteilnehmer*innen kamen aus Nordrhein-Westfalen und aus Berlin, insgesamt fast 65 Prozent aus westdeutschen Bundesländern, über 11 Prozent aber auch aus Sachsen. Die Befragten verfügen fast durchweg über eine abgeschlossene Berufsausbildung. Für hohe fachliche Qualifikation spricht, dass über vier Fünftel der Befragten einen akademischen Abschluss besitzen, 77 Prozent haben einen (Fach-)Hochschulabschluss und sechs Prozent eine Promotion. 

Quelle: HDS

Um so desillusionierender erneut die Angaben zu den Jahreseinkommen. Beim Median der gemeldeten Bruttojahreseinkommen liegen Grafiker, Mediengestalterinnen und Designer mit 30.000 Euro vorn, gleichauf mit Restaurator*innen. Es folgen Sprachmittlerinnen und Übersetzer mit 28.693 Euro sowie Journalist*innen und Fotograf*innen mit 26.000 Euro. Bildende Künstler*innen lagen mit durchschnittlich 15.000 Euro Jahreseinkommen am Ende der Skala. Knapp die Hälfte aller Teilnehmer*innen gab für 2019 ein Bruttojahreseinkommen zwischen 10.000 und 30.000 Euro an. Etwa ein weiteres Drittel vermeldete zwischen 30.000 und 60.000 Euro. Nur 12 Prozent lagen über diesem Wert, 10 Prozent machten dagegen unter 10.000 Euro jährlich geltend. 

Die Umfrage ergab weiter, dass 28 Prozent der Befragten – das Durchschnittalter lag bei 48 Jahren – keinerlei Altersvorsorge betreiben. Vesna Glavski: „Nicht einmal drei Viertel haben im weitesten Sinn eine Sicherung, wobei neben einer gesetzlichen Rente ein breites Spektrum von Rücklagen abgefragt wurde – Lebensversicherungen, Aktien, Vermietung oder anderes Vermögen. Es ging auch nicht um deren Höhe oder Armutsfestigkeit.“ Das Ergebnis müsse alarmieren.

Die Umfrage brachte schließlich Aussagen zur Interessenvertretung. Zwei Drittel der Befragten sind Mitglieder von Gewerkschaften oder Berufsverbänden. Das kann allerdings nicht verwundern, da die Umfrage vorrangig aus den Organisationen heraus beworben und publik gemacht wurde. 

Index Gute Arbeit auch für SoloS

In der Podiumsdebatte am 29. November im Haus der Selbstständigen, zu der auch Verbands-Vertreter*innen aus dem Musikbereich, dem Kommunikationsdesign und der Restaurierung gekommen waren, wurden erste Ergebnisse bewertet. „Weitermachen, auf jeden Fall“, war ein Fazit. Die Honorarumfrage solle nach einer Evaluation fortgesetzt und verstetigt werden, um am Ende in vielen Bereichen von Solo-Selbstständigkeit echte Honorarempfehlungen geben zu können. Dazu müsse künftig auch die Ausgabenseite der Solo-Selbstständigen genauer beleuchtet und es sollte Einfluss auf die bessere Erhebung von Bundesstatistiken genommen werden.

Man machte unter den Solo-Selbstständigen eine „große Gruppe von Verlierern“ aus, wenn man deren Einkommen mit dem von Angestellten in der gleichen Branche ins Verhältnis setze. „Das funktioniert nur, weil es sich vielfach um ‚Leidenschaftsberufe‘ handelt, die man gern ausübt.“ Doch sei es dringend, verstärkt an die Politik heranzutreten. „Wenn man bis zu 28 Monate Kurzarbeitergeld für Angestellte unter Corona dem Zurückwerfen der Selbstständigen auf Hartz-IV entgegenhält, wo bleibt da der Gleichbehandlungsgrundsatz?“, fragte etwa der Vertreter der Berufsverbandes Kommunikationsdesign. Die Gesellschaft habe selbstständige Arbeit bislang „nicht gleichwertig auf der Agenda“. Gemeinsames Handeln von Interessenvertretern und Verbänden vieler Sparten sei geboten, um „mit mehr Verhandlungsmacht“ auf politische Entscheider zugehen zu können, forderte Gunter Haake vom ver.di-Selbstständigen-Referat. Für die Dienstleistungsgewerkschaft bekräftigte auch Vesna Glavaski, künftig die Arbeitsbedingungen Solo-Selbstständiger stärker in den Fokus nehmen zu wollen. Ziel sei es, einen „Index Gute Arbeit für Solo-Selbstständige“ zu entwickeln. Auch dafür brauche es allerdings ein breites Bündnis.

Glavski informierte schließlich, dass das Haus der Selbstständigen ab Januar 2023 in eine neue, nunmehr vierjährige Laufzeit starten wird. Neben dem Stammsitz in Leipzig sollen weitere Standorte in Berlin, Hamburg und NRW als Anlaufstellen für Solo-Selbstständige und ihre Interessenvertretungen aufgebaut werden.

Ergebnisse der bundesweiten branchenübergreifenden Honorarumfrage stehen auf der Kampagnenwebseite auch zum Download zur Verfügung.

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