Briefe an «M» 10-11/2002

Mediengewaltkonsum und Gewaltbereitschaft

„Erfurt und Mediengewalt“ in «M» 6/2002

Zur Veröffentlichung des Beitrags von Dr. Werner Hopf „Erfurt und Mediengewalt“ – in der Juniausgabe von M gratuliere ich Ihnen herzlich! Und ich möchte Sie ermutigen, mit der Publikation solcher fundierten, unabhängigen Beiträge zum Verhältnis von Medien und Gesamtgesellschaft fortzufahren.
Zum Thema Mediengewalt fand Ende Juli an der Münchener Universität ein Kongress unter Führung international renommierter Medienwissenschaftler statt. Vor Praktikern aus allen Erziehungsbereichen, vor allem der Grund- und Hauptschulen, haben sie Ergebnisse fünfzigjähriger unabhängiger Medienforschung vorgelegt, die bisher der Öffentlichkeit weitgehend vorenthalten wurden. Metaanalysen über einige tausend internationale Wirkungsstudien zur Mediengewalt widerlegen ein für allemal die Behauptung, dass ein „signifikanter“ Wirkungszusammenhang zwischen Mediengewaltkonsum und Gewaltbereitschaft bis hin zu offener Gewalt angeblich nicht nachweisbar sei.
Im unerbitterlichen Licht dieser nach „Erfurt“ nicht mehr zu ignorierenden Erkenntnisse wünscht sich Martin Böttcher (Leserbrief M 7/8 red.) nun eine kontroverse Debatte über den Schutz von Kunst und Kultur vor Zensur. Will er in einer solchen Debatte Erzeugnisse, die nachweislich emotionale Desensibilisierung bewirken und die Fähigkeit zum Mitleiden ebenso abbauen wie die angeborene Tötungshemmung, immer noch in der Rubrik „Kunst und Kultur“ umstandslos unterbringen?
Dem heute nichts entgegenzusetzen hieße, unter dem Diktat einer längst als inhuman enthüllten neoliberalen Doktrin die Ideale der Aufklärung – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – vollends zu pervertieren und zu ruinieren: Freiheit wäre am Ende nur noch die Durchsetzungsfreiheit jener „Bruderschaften“, die von der Zirkulation besagter Erzeugnisse direkt profitieren; Gleichheit wäre – nach deren Willen – am Ende reduziert auf „innere“ Gleichförmigkeit der von derlei Produkten endgültig abhängigen Masse; und Brüderlichkeit unter den Menschen gäbe es nicht mehr.

Barbara Harth
Forum Bürgerfernsehen


Viel Rauch um Nichts

„Die Freien erwischt es zuerst“ in «M» 7/8 /2002

Bingo! Das Durchschnittseinkommen der Freien dürfte unter dem Sozialhilfesatz liegen. Und das scheint nicht nur an den schlechten Werbeeinnahmen zu liegen, sondern auch an der Angst, an der Eitelkeit und an der Geltungssucht vieler Ressortleiter. Freute ich mich anfangs über die Idee der „Ich-AG“, musste ich als arbeitslose Werbetexterin und Redakteurin schnell merken, dass sich selbst ein brisantes Interview zum Thema Antarktis-Schmelze mit Dr. Mojib Latif im Juni 2002 nicht verkaufen ließ. Gelangweiltes Gähnen am anderen Ende der Leitung, oder einfach sträfliche Ignoranz. „Wir haben kein Geld“, konnte ich als Absage noch akzeptieren. Aber ich hätte mich schon über 50 Euro für 5.000 Anschläge und Foto gefreut. Da ich mich auf Grund der Brisanz des Themas verpflichtet fühlte zu informieren, verschenkte ich das Interview schließlich an den Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag. Wenigstens hier erhielt ich eine Reaktion durch einen freundlichen Brief des Chefredakteurs, der bereits im Kontakt mit besagtem Klimaforscher stand.
Die „Ich-AG“ ist außerdem höchst problematisch, weil sie eine tiefe Kluft der Ungleichbehandlung von Arbeitslosen und bereits freiberuflich Schaffenden gräbt. Zu dem Thema ist mir schon viel Neid und erschreckend aggressives Verhalten von Seiten der Selbstständigen entgegen geschlagen. Viel Rauch um Nichts, denn es funktioniert ja eh nicht.

Angela Koob, Berlin


Anonymer Beitrag

„Warum nur Journalisten“ in «M» 9/2002

Was soll der anonyme Beitrag „Warum nur Journalisten?“ Dass es Journalisten-Konditionen in allen möglich Bereichen gibt, ist ein alter Hut, ob jemand korrumpierbar ist, eine Frage des Charakters. So what? Wenn der Beitrag kritisch gemeint sein sollte, müsstet Ihr bzgl. der der gleichen Ausgabe beiliegenden Werbung „ver.di beamtinnen + beamte – inform“ und den dort angebotenen „exklusiven“ Altersversorgungsangeboten auch fragen: „Wieso nur für ver.di?“ Sollen andere Gewerkschaftskollegen und Normalbürger von den Versicherungen ruhig stärker zur Kasse gebeten werden?

Horst Gottfried, Hamburg


Schlichte deutsche Sprache

„Börse – ein fast schon obszönes Wort in der Wirtschaftspresse“ in «M» 7– 8/2002

Na bravo! In dem Artikel wird ein nicht uninteressanter Sachverhalt in einer wirklich begeisternden Sprache dargelegt. Ich zitiere die sprachlichen Perlen: „Shootingstars, Live Style, Lifestyle (mal so, mal so) Net Busniness, canceln, Relaunch, Newcomer“. Und wenn der Autor in schlichter deutscher Sprache bleibt, dann liest sich das so: „Entscheider“ (wo lernt man diesen Beruf?), Gelder statt Mittel und schließlich gar noch „Sprösse“, statt Sprosse. Da nimmt es denn auch nicht Wunder, dass es im Zwischentitel heißt „Ableger fürÔs Volk“, statt „Ableger fürs Volk“. Weil die Wortbildung „ins, aufs, ums, ans und fürs“ ohne unsinniges Auslassungszeichen so verzweifelt unprofessionell aussieht?
Letztere Glanzleistung ist aber wohl eher der M-Redaktion anzulasten und nicht dem Autor, … .
Doch merke: Wer sein Geld mit Sprache (in unserem Fall deutscher) verdienen will, der sollte ihr wenigstens ansatzweise gewachsen sein.

Werner Schoger, Bretten


„Baden und Hubers“

„Diskriminierung einer ethnischen Gruppe“ in «M» 7– 8/2002

Ich bin ein begeisterter Leser Ihrer Zeitschrift. Ihre Zeitschrift ist hochinteressant, informativ und geistreich. Zu den interessantesten Artikeln gehörte der Bericht in Nr. 7 – 8 (S. 26) über eine Beschwerde beim Presserat bez. „zynische Berichterstattung über Sinti und Roma“ im „Bibliser Blatt“. Sowohl der Autor des kritisierten Beitrags wie auch Ihre Autorin Ella Wassink sind offenbar der Meinung, die sonderbare Bezeichnung „Sinti und Roma“ sei ein vollwertiger Ersatz für „Zigeuner“.
Die beiden Begriffe sind nicht austauschbar. Unter den – unter dem Sammelbegriff „Zigeuner“ bekannten – fahrenden Sippen gibt es eine Sippe, die als „Sinti“ bekannt ist. Der aus Rumänien stammende Teil dieser Sippe heißt auch entsprechend „Sinti Romanescu“ (sprich: Romanesku), wobei „Romanescu“ nichts anderes als „Rumänisch“ bzw. „aus Rumänien stammend“ bedeutet. „Roma“ ist schlicht und einfach eine Abkürzung des Wortes „Romanescu“. Also: „Sinti Roma“ = „Sinti aus Rumänien“.
„Sinti und Roma“ oder gar „Roma und Sinti“ bzw. „Roma und Sinti“ ist die Folge der mangelnden Beherrschung der Materie. Der deutsche Journalist ist der Meinung, dass man über die Zigeuner gar nichts zu wissen braucht, um sie zu thematisieren.
Wenn man nicht genau weiß, zu welcher Sippe die im jeweiligen Bericht erscheinende Zigeunergruppe gehört, dann bleibt man am besten beim Wort „Zigeuner“ (genauso wie die Engländer bei „Gipsy“, die Franzosen und die Russen bei „Tsigane“ bleiben).
Können Sie sich vorstellen, dass man anstatt „Deutsche“ so ein Konstrukt wie „Hubers aus Baden“ bzw. „Baden und Hubers“ oder „Hubers und Baden“ gebraucht? Genauso lächerlich ist dieses „Roma und Sinti“ / „Sinti und Roma“ in der deutschen Rundfunk- und Presselandschaft.
Ich selbst komme aus Rußland. (Mein urspr. Name: Valentin Werbitsky.) In Rußland bezeichnen sich Zigeuner als „Tsigane“. Sie wären sprachlos, sollten sie von einem Deutschen erfahren, sie seien gar keine Tsigane, sondern „Roma und Sinti“. …

Valentin Werbitz, per E-Mail

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