Berliner Verlag: „Projekt Kahlschlag“ anstatt Neuanfang

Nach dem Willen der DuMont-Mediengruppe gehen im Verlagshaus am Berliner Alexanderplatz bald die Lichter aus. Für zahlreiche Beschäftigte wohl auf Dauer. Foto: Christian von Polentz/ transitfoto.de

Bei der DuMont Mediengruppe wurden heute in Berlin weitere Hiobsbotschaften zu den Sanierungs- und Umbauplänen „Projekt Neustart“ verkündet. In den Redaktionen der beiden Traditionsblätter „Berliner Zeitung“ und „Berliner Kurier“ sollen rund ein Drittel der Beschäftigten, insgesamt 50 Kolleg_innen ihre Arbeit verlieren. Für die Verlagsbereiche in der Gruppe gibt es nach wie vor keine Klarheit! Auch zuvor ging es häppchenweise zur Sache: Stellenstreichungen bei der DuMont Blattplanung in Köln, Schließung für die 16 IT-Beschäftigten von DuMont Systems in Berlin und Verkauf der Callcenter von DuMont Dialog in Halle und Berlin.

Die Redaktionen der „Berliner Zeitung“ und des „Berliner Kurier“ werden in einer neuen Gesellschaft der Berliner Newsroom GmbH zusammengelegt. Vom 1. November an übernehme sie die redaktionelle Verantwortung für beide Blätter und für alles Digitale, hieß es aus dem Hause DuMont. Der neue Newsroom soll mit 140 Stellen auskommen,  50 weniger als zur Zeit zur Verfügung stehen. Derzeitige Mitarbeiter_innen sollen sich dort neu bewerben. DuMont hofft, damit eine Sozialplan-Auswahl umgehen zu können, die bei vermeintlich betriebsbedingten Kündigungen notwendig wäre. Es sei nicht auszuschließen, dass es am Ende des Aufbaus der neuen Gesellschaft in den beiden Zeitungsredaktionen „zu Teilbetriebs- und Betriebsschließungen kommen wird“, hieß es in der Pressemitteilung des Unternehmens.

„Von Neuanfang ist die Rede, tatsächlich aber geht es um knallharte Sanierung“, erklärte die Betriebsratsvorsitzende Renate Gensch für die Betriebsräte des Berliner Verlages/Berliner Kurier und der Redaktionsgemeinschaft 2 zu den Verkündigungen. DuMonts „Perspektive Wachstum“ sei in Berlin ein „Projekt Kahlschlag“. Ein solches Szenario habe es nicht einmal gegeben, als der Berliner Verlag noch zu den „Heuschrecken“-Investoren von Mecom gehörte.

Bereits die Schließung von DuMont Systems in Berlin bezeichnete der Konzernbetriebsrat als „grundverkehrt und vor allem unsozial“. Hier will das Unternehmen einen Sozialplan für die 16 zu Entlassenen verhandeln. Die Mitteilung, dass das Callcenter-Geschäft der DuMont Mediengruppe zum 1. Januar 2017 vollständig an die Dienstleistungsgesellschaft walter services verkauft werden soll, werten DuMont-Betriebsräte als „Reinfall“. Ein entscheidendes Element der DuMont-Unternehmensstrategie „Perspektive Wachstum“ von 2014 finde damit ein jähes Ende. Es sind 50 Beschäftigte in Berlin und etwa 300 in Halle/ Saale betroffen. Für geplantes Umsatzwachstum durch das Mandantengeschäft waren die Callcenter des Berliner Verlages und der „Mitteldeutsche Zeitung“ zuvor aufgelöst und unter zentrale Leitung gestellt worden. Bereits im August 2016 wurde dort die Geschäftsführung gefeuert.

„DuMont beschädigt seine Marken“, hatte ver.di schon im Vorfeld der heutigen Ansagen von DuMont prophezeit. Massiver Personalabbau und eine sogenannte Optimierung der redaktionellen Abläufe zwischen der „Berliner Zeitung“ und dem Boulevardblatt „Berliner Kurier“ wurden zwar längst erwartet. Doch erst jetzt gibt es für die etwa 160 Redakteur_innen der beiden DuMont-Hauptstadt-Zeitungen Klarheit. Die Beschäftigten im Verlag müssen weiter in Ungewissheit verharren. Hier könne man mit Verweis auf die GWB-Novelle und die „Marktanpassung noch keine Aussagen machen, hieß es. Diese Pläne, Beschäftigte zu feuern oder künftig zu deutlich schlechteren Bedingungen arbeiten zu lassen, „sind unsozial und eines so traditionsreichen Familienunternehmens unwürdig“, erklärte Frank Werneke, stellvertretender ver.di-Vorsitzender. „Anstelle sich den Herausforderungen der digitalen Transformation zu stellen und dafür geeignete Geschäftsmodelle zu entwickeln, ist DuMont dabei, Qualitätsmedien komplett zu rationalisieren.“ DuMont sei einmal eine wichtige publizistische Größe in Deutschland gewesen. Diesen Anspruch scheine das Unternehmen aufgegeben zu haben, so Werneke. Scharfe Kritik übte er am konkreten Vorgehen von DuMont: „Durch die Gründung von neuen Gesellschaften sollen soziale Schutzmechanismen ausgehebelt, die Regeln eines Betriebsübergangs umgangen werden. Gestandene Kolleginnen und Kollegen sollen gezwungen werden, sich auf ihre eigenen Stellen neu zu bewerben.“ Das sei absolut inakzeptabel. „Wir fordern DuMont auf, unverzüglich nach Alternativen zu suchen und die Belegschaften und ihre gewählten Betriebsräte an diesem Prozess angemessen zu beteiligen“, so Werneke.

Nach dem aktuellen Szenarium ist davon auszugehen, dass es DuMont nicht beim dem diese Woche verkündeten Personalabbau belassen wird. Schon im Dezember und Januar wird mit weiteren Einschnitten gerechnet. Für die Redaktionen des „Kölner Stadtanzeigers“ und des „Express“ in der Konzernzentrale am Rhein könnte das Vorgehen im Berliner Verlag als Vorbild dienen. Der Betriebsrat der „Hamburger Morgenpost“ hatte bereits vor Wochen öffentlich gemacht, dass man einen Stellenabbau von 25 Prozent befürchte.


Wechselhafte Verlagsgeschichte

Der Berliner Verlag hat vor allem seit dem Fall der Mauer eine wechselhafte Geschichte durchlebt, geprägt durch mehrfache Übernahmen, die Streichung von Titeln, von Auslagerungen und laufendem Personalabbau. Zu jeder Zeit hat sich die Belegschaft gegen die Streichorgien neuer Eigentümer gewehrt. Derzeit arbeiten im Verlagshaus Haus am Berliner Alexanderplatz noch 470 Beschäftigte.

Der Berliner Verlag wurde noch vor Gründung der DDR im Jahre 1945 als Zeitungs- und Zeitschriftenverlag gegründet. Nur 13 Tage nach Ende des 2. Weltkrieges erschien die erste Ausgabe der „Berliner Zeitung“. Von 1953 bis zur Wende führte eine staatseigene Holding den Berliner Verlag. Der gab neben der „Berliner Zeitung“ und der „BZ am Abend“ (heute „Berliner Kurier“) weitere sechs Titel heraus, unter anderem die „Wochenpost“, die Frauenzeitschrift „Für Dich“ und die Zeitschrift „Horizont“.

1990 wurde der Verlag von einem Joint Venture übernommen aus Maxwell Communications und Gruner + Jahr. 1992 übernahm Gruner + Jahr den Verlag allein und verkaufte ihn 2002 an die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck. Das Bundeskartellamt untersagte jedoch diesen Verkauf wegen einer marktbeherrschenden Stellung, da Holtzbrinck in Berlin bereits den Tagesspiegel herausgebe. Deshalb gehörte der Verlag bis 2005 formal noch zu Gruner + Jahr, de facto trug jedoch Holtzbrinck die Verantwortung.

Im Oktober 2005 verkaufte die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck den Verlag an die BV Deutsche Zeitungsholding, die zum britisch-amerikanische Konsortium Mecom Group gehörte. Das wurde vom Bundeskartellamt im November genehmigt.

Am 12. Januar 2009 verkaufte die Mecom Group den Verlag an die Kölner Mediengruppe M. DuMont Schauberg. Seitdem war der Berliner Verlag eine Tochtergesellschaft im PMB Presse- und Medienhaus Berlin von M. DuMont Schauberg (65 %) und dem Heinen-Verlag (35 %). Zum Jahresende 2015 hat die DuMont Mediengruppe die Anteile des Kölner Heinen-Verlags an der PMB Presse- und Medienhaus Berlin GmbH & Co. KG übernommen und wurde so 100prozentiger Eigner des Medienhauses.

Die „Berliner Zeitung“ wird in der Region Berlin-Brandenburg und in der Bundeshauptstadt vor allem in den östlichen Bezirken gelesen. Die verkaufte Auflage beträgt 96.692 Exemplare, ein Minus von 53,5 Prozent seit 1998.

Weitere Beiträge in „M Menschen Machen Medien“ zur Entwicklung im Hause DuMont:

https://mmm.verdi.de/medienwirtschaft/was-dumont-in-berlin-unter-optimierung-versteht-31919

https://mmm.verdi.de/tarife-und-honorare/dumont-redaktionen-keine-neueinstellten-mehr-mit-tarif-31611


Heute feiern – morgen feuern

Foto: Jürgen Heinrich
Foto: Jürgen Heinrich

Mit einer ver.di-Aktion am Abend des 27. Oktober zeigten Gewerkschafter_innen, dass sie fest an der Seite der Kolleginnen und Kollegen der Berliner Verlagsgruppe stehen. „Gemeinsam mit ihnen werden wir Widerstand organisieren gegen einen Konzern, dessen Parole lautet: Heute feiern – morgen feuern“, heißt es in einem Flugblatt. Begrüßt wurden damit die Gäste der Feier zum 25-jährigen Jubiläum des „Berliner Abendblatts“ vor dem Berliner Palazzo/Spiegelpalast.

Das „Berliner Abendblatt“ erschien zum ersten Mal am 2. Oktober 1991 und wurde damals zunächst in den Berliner Ost-Bezirken verteilt. Heute erscheint die Anzeigenzeitung „in den wirtschaftlich attraktiven Kerngebieten aller Berliner Stadtbezirke“. Sie wird vom Verlag BVZ Anzeigenzeitungen GmbH herausgegeben, einer 100%igen Tochter des Berliner Verlages. Die Auflage beträgt mehr als 1,29 Mio. Exemplare.  (28.10.2016)

 

 

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