Editorial: Ost-West-Qualitäten

Auf den Medienmärkten des neuen Europa herrscht Aufbruchstimmung, besonders bei der Presse. Während hierzulande die Rendite lahmt und Strukturen zementiert scheinen, teilen deutsche Verlage bei ihrer Osteuropa-Expansion die Märkte neu auf. (Titelthema) Mit vergleichsweise geringen Investitionen erzielen sie Supergewinne, für die Kolleginnen und Kollegen vor Ort fallen Arbeitsplätze und im Landesvergleich gute Verdienste ab.

Diese wie auch andere Arbeitsbedingungen lassen sich natürlich nicht an deutschen Tarifen messen, die Probleme sind aber ähnlich: Festanstellungen sind rar, Scheinselbstständige und unterbezahlte Freie an der Tagesordnung (mehr…). Der Unterschied: Dank schwachem Arbeitsrecht, klein gehaltener Gewerkschaften und ängstlicher oder gar fehlender Betriebsräte gibt es „Wild-Ost“. Das daraus nicht „Wild-West“ wird, dafür liefern die jüngsten Betriebsratswahlen in Deutschland (mehr…) und die Erfahrungen der britischen Gewerkschaft NUJ im Kampf mit „Heuschrecken“ hoffnungsvolle Signale (mehr…).
Dabei geht es auch um Rechte von Journalisten in- und außerhalb der Redaktion, um ihre gesellschaftliche Verantwortung für journalistische Qualität. Und das ist gut so, wie das Beispiel BND-Affäre zeigt. Die dju spricht sich hier eindeutig für die Unvereinbarkeit von journalistischer und jeglicher geheimdienstlicher Arbeit aus (mehr…). Oder sei es die Debatte um den Presse- bzw. einen Medien- sowie Radiokodex (mehr…) oder die Selbstkontrollgremien insgesamt. Oder sei es im Diskurs um innere Pressefreiheit im Ringen um ein Redaktionsstatut, wie es derzeit in der Berliner Zeitung geschieht. Unstrittig: Zum Problemfeld gehört auch der Versuch, die Rechte der Urheber zu beschneiden sowie Verschlechterungen bei der Förderung und Absicherung der Freientätigkeit. (hier… und hier…). Zu bedauern ist, betrachtet man die letzten Monate , dass sich deutsche Medien zunehmend dem Fieber der Einstweiligen Verfügungen und des Rechtsstreits hingeben, wenn es um Inhalte geht, anstatt den Wettstreit in journalistischer Form auszutragen: sachlich, Wahrheit suchend und andere Meinungen tolerierend (hier… und hier…). M bleibt dieser Art Diskurs verpflichtet, erscheint jedoch erst wieder im September. Viel Zeit also, das aktuelle Blatt ausführlich zu lesen, zu debattieren und zu kommentieren – vielleicht auch am Badesee!

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